Christian

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Einmal Hölle und zurück

Christian​

Einmal Hölle und zurück

Meine Geschichte begann im November 2022, als ich zum ersten Mal an Corona erkrankte und eine Art Zusammenbruch erlitt. Nach einem anschließenden Flug nach New York hatte ich plötzlich mit Schwindel und erstmals mit einer starken Erschöpfung in den Beinen zu kämpfen.

Mein Zustand besserte sich nach einigen Monaten wieder, doch nach einer weiteren Infektion im Januar 2024 traten heftige Blutdruckanstiege, Schmerzen, Erschöpfung und starke, zeitverzögerte Reaktionen auf kleinste Belastungen auf. Ich lernte, dass diese Einbrüche als Crash beziehungsweise Post-Exertional Malaise, kurz PEM, bezeichnet werden und zu den Leitsymptomen von ME/CFS gehören.

Nach einer vorübergehenden Besserung wagte ich im Juni wieder eine Radtour, erkrankte jedoch unmittelbar danach erneut an Corona. Dieser Rückfall traf mich deutlich schwerer. Immer geringere körperliche Belastungen lösten Crashs aus: Bald konnte ich weder den Rasen mähen noch 300 Meter mit dem Hund gehen, ohne danach tagelang beeinträchtigt zu sein. Zeitweise war ich an Haus, Sofa oder Bett gebunden. Trotzdem versuchte ich, weiterzuarbeiten und wichtige Termine wahrzunehmen, oft liegend im Homeoffice oder mithilfe von Infusionen. Zu häufig überschritt ich meine Grenzen, weil ich mir nicht eingestehen wollte, wie krank ich war. Jeder erneute Einbruch schwächte mein Vertrauen in den eigenen Körper.

Der Crash wurde zum Zentrum meiner Erkrankung. Arme und Beine waren bleischwer, Kopf und Glieder schmerzten, Licht und Geräusche waren kaum erträglich, und meine innere Widerstandskraft verschwand. Hinzu kamen Schlaflosigkeit, starke Unruhe, Puls- und Blutdruckspitzen, POTS-ähnliche Beschwerden, Schwindel, Reizbarkeit, Muskelzucken, Tinnitus und Appetitlosigkeit. Obwohl die Blutuntersuchungen unauffällig waren und ich äußerlich oft gesund wirkte, war mein Alltag massiv eingeschränkt.

Nach meinem Absturz suchte ich intensiv nach Möglichkeiten, meine Beschwerden zu lindern. Ernährung, zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel, Infusionen und Off-Label-Medikamente halfen wenn überhaupt nur kurzfristig, aber nie dauerhaft. Nikotinpflaster brachten zeitweise besonders deutliche Verbesserungen, verursachten jedoch auch Unruhe, Schlafprobleme sowie Puls- und Blutdruckspitzen. Später kehrten die Crashs selbst unter den Pflastern zurück. Meine Klinikaufenthalte reichten von hilfreicher Diagnostik und Linderung bis zu einer deutlichen Verschlechterung durch fehlendes Verständnis für PEM. Pacing und das Erfassen meiner Körperwerte unterstützten mich zeitweise, brachten aber nicht die erhoffte Wendung.

Mein entscheidender Wendepunkt kam, als ich in einer Phase in der ich nicht wusste wie es weiter gehen kann und ich Existenzängste hatte, mich aus Verzweiflung mit Genesungsberichten beschäftigte. In fast allen fand ich dieselbe Erklärung: Ein dysreguliertes Nervensystem kann nach einer Infektion und anhaltender Belastung in einem chronischen Alarm- und Schutzmodus feststecken. Mal war diese Ursache konkret benannt, mal konnte ich ihn aus dem Kontext ableiten. Daraufhin stieß ich auf Namen wie Alan Gordon, Dr. Howard Schubiner, John E. Sarno und Steven Porges. Ich las ihre Bücher. Darin wurden viele Erkenntnisse aus den Genesungsberichten bestätigt und um konkrete Erklärungsansätze ergänzt.

Das vegetative Nervensystem, die Polyvagal-Theorie und die enge Verbindung zum Immunsystem halfen mir, Symptome wie Puls- und Blutdruckspitzen, Reizempfindlichkeit, Schlafstörungen und Crashs neu einzuordnen. Durch das Konzept der Neuroplastizität verstand ich außerdem, dass reale körperliche Symptome durch erlernte Gefahrenbewertungen aufrechterhalten werden können. Angst, ständige Beobachtung und der Kampf gegen die Beschwerden hatten meinen Alarmkreislauf vermutlich verstärkt. Diese neue Sichtweise gab mir Zuversicht: Mein Körper war für mich nicht mehr dauerhaft beschädigt, sondern mein Nervensystem konnte durch Sicherheit, neue Erfahrungen und Brain Retraining wieder umlernen.

Diese Erkenntnis und die ersten Anwendungen führten dazu, dass meine Crashs verschwanden. Danach wandte ich die Methoden konsequent an. Von dem Zeitpunkt, an dem ich den Ansatz in meiner schlimmsten Phase kennenlernte, bis zu meiner vollständigen Genesung vergingen gerade einmal vier Monate.

Die Phasen meiner Genesung

Phase 1: Verstehen und Überzeugung


Schon früh kam ich mit dem Gupta-Programm in Berührung. Die darin vermittelten Meditationen nahm ich in meinen Alltag auf, weil sie mir Linderung brachten. Die Theorie hatte ich verstanden, doch die Brain-Retraining-Übungen sprachen mich damals nicht besonders an. Deshalb beendete ich das Programm zugunsten anderer Ansätze, die mir zu diesem Zeitpunkt vielversprechender erschienen. Erst als ich mehrere Dutzend Genesungsberichte ansah, las und anhörte, wurde ich erneut auf den Mind-Body-Ansatz aufmerksam. Die schiere Menge an Berichten, die auf diesem Ansatz beruhten, war überwältigend und ließ meine Überzeugung wachsen. Außerdem erkannte ich mich in vielen Schilderungen nahezu eins zu eins wieder.

Tatsächlich stand ich solchen Ansätzen als zahlen-, daten- und faktenorientierter Ingenieur zunächst eher skeptisch gegenüber und während mein Bauchgefühl passte, wollte mein Sachverstand weiter überzeugt werden. Deshalb beschloss ich, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Ich las zahlreiche Bücher, unter anderem von den bereits erwähnten Autoren Alan Gordon, Dr. Howard Schubiner, John E. Sarno und Steven Porges. Jedes Buch lieferte ein weiteres Puzzleteil; nach und nach fügte sich alles zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen. Die zunächst abstrakt und esoterisch wirkenden Begriffe wie „Fight or Flight“, „Rest and Digest“ und „Brain Retraining“ erhielten für mich dadurch eine Erklärung. Viele Dinge konnten auch biochemisch erklärt werden, so werden die Nervensystemzustände maßgeblich durch Botenstoffe im Körper vermittelt: Beim „Fight or Flight“-Zustand dominieren z.B. Cortisol oder Adrenalin. Über diese Botenstoffe steuert das Nervensystem Organe und Stoffwechsel. In der Polyvagaltheorie begegnete mir zudem ein dritter Zustand, der bei völliger Überwältigung auftreten kann und häufig als „Shutdown“ bezeichnet wird. Diesen konnte ich gut mit meinen Crashs in Verbindung bringen. Auch Immunprozesse schienen eine mögliche Erklärung zu bieten: Dabei sollen Zytokine ausgeschüttet werden, die den Körper bei Krankheit zur Ruhe „zwingen“ sollen, damit er seine Energie auf die Erholung konzentrieren kann. Normalerweise wird dieser Zustand nach einer Infektion über den Vagusnerv reguliert. Bei mir entstand jedoch der Eindruck, dass der bremsende Mechanismus nicht zuverlässig funktionierte und der Zustand deshalb wiederholt auftrat. So gibt es die Lipkin Studie, die nachweisen konnte, dass der Körper bei ME/CFS wie auf eine Virusinfektion reagiert. Bei genauerer Beschäftigung mit dem Thema stieß ich zudem auf den Botenstoff Acetylcholin. Er schien auch für die Wirkung von Nikotinpflastern und des Off-Label-Medikaments Mestinon eine wichtige Rolle zu spielen.

Hinzu kamen die Bücher von Alan Gordon und Dr. Howard Schubiner. Beide beschäftigen sich seit Jahren erfolgreich mit der Erforschung und Behandlung chronischer Schmerzen die sie als neuroplastische Symptome einordnen. Inzwischen ordnen sie auch Long Covid und ME/CFS in diesen Zusammenhang ein und beschreiben in ihren Büchern und Interviews zahlreiche überzeugende Erfahrungsberichte und Erklärungsansätze.

Dazu weist Porges in der Polyvagaltheorie beispielsweise darauf hin, dass sich im „Fight or Flight“-Modus die Muskelspannung im Ohr verändert, damit potenzielle Gefahren früher wahrgenommen werden können. Damit lässt sich die Geräuschempfindlichkeit bei der Erkrankung gut in Verbindung bringen.

Phase 2: Regulation

Viele Betroffene beschäftigen sich früh mit der Regulation des Nervensystems und erleben einzelne Übungen als wohltuend. Mir brachten sie anfangs ein ersehnte Linderung, die aber nur kurzfristig war und mich nicht vor den Crashs bewahrte. Später verstand ich sie als eine wichtige Voraussetzung für meinen weiteren Weg. Norman Doidge beschreibt in „The Brain’s Way of Healing“, dass Lernen erschwert sein kann, wenn sich das Gehirn dauerhaft im Alarmzustand befindet. Für mich wurde Regulation deshalb zu einer Voraussetzungfür das Brain Retrainings. Ich nutzte unter anderem Meditation, Atemtechniken, eine Akupressurmatte, eine Gewichtsdecke, Wärme- und Kälteanwendungen sowie elektrische Vagusnervstimulation. Entscheidend war für mich, die Übungen meiner Verfassung anzupassen, sie nicht zu übertreiben und sie regelmäßig anzuwenden. So wie ich zuvor eine Abwärtsspirale erlebt hatte, beobachtete ich mit der Zeit auch eine Aufwärtsspirale. Rückblickend hatte ich früher oft zu schnell aufgehört, sobald es mir etwas besser ging. Oftmals hörte ich, dass andere Betroffene sich nicht auf Meditation einlassen konnte, da sie zu unruhig sind. Mein Eindruck war, dass diese Personen die Regulation am meisten benötigen.

Phase 3: Retraining

Die dritte Phase ist aus meiner Sicht die Königsdisziplin. Häufig bleibt in dem Kontext nur die Botschaft hängen, man solle sich regelmäßig Sicherheitsbotschaften senden. Das greift jedoch viel zu kurz. Die zentrale Methode, mit der das Nervensystem die Angst vor Symptomen oder Reizen verlernen können soll, ist das sogenannte Somatic Tracking, auf Deutsch Empfindungsverfolgung. Besonders empfehlenswert ist hierzu das Buch von Alan Gordon, in dem die Methode anhand vieler praktischer Anwendungen und Studien zu chronischen Schmerzen erläutert wird. Übertragen auf Long Covid und ME/CFS muss man dabei den Begriff „Schmerz“ in seinem Buch im Grunde nur durch „Symptom“ ersetzen. Dazu möchte ich ein Yotube Video empfehlen bei dem Alan Gordon eine Somatic Tracking Session beispielhaft durchführt. Man kann das Video auf Deutsch abspielen.

Eine weitere Methode ist eine Art Autosuggestion: Man stellt sich Situationen vor, die Probleme bereiten, und geht sie gedanklich positiv durch. So soll das Gehirn neue, positive Verknüpfungen aufbauen und die Situation nicht mehr automatisch mit einem Crash oder Panik verbinden.

Weiterhin ist es wichtig, von der Fokussierung auf die eigenen Symptome Abstand zu nehmen. Die ständige Aufmerksamkeit für die Symptome („Woran liegt es wohl? Warum ich? Geht es wieder los? Was kann die Ursache sein? Was kann ich tun?“) suggeriert dem Gehirn, dass etwas nicht in Ordnung ist, und hält den Zustand stabil. Möglicherweise werden dadurch sogar weitere Symptome erzeugt, die die Abwärtsspirale verstärken. Am besten ist es, nicht ständig an die Symptome zu denken, sondern sich auf Positives zu konzentrieren. Wenn Symptome auftraten, bin ich ihnen mit Somatic Tracking und ähnlichen Methoden begegnet. Alan Gordon formuliert es passend: Man soll sie durch die Brille der Unbedenklichkeit betrachten.

Irgendwann übernahm ich die Kontrolle über die Reaktion auf meine Symptome. Irgendwann fühlte ich mich so sicher, dass ich die Symptome sogar dazu einladen konnte, aufzutreten – was dann allerdings kaum noch geschah. Genau darum geht es: Sobald man sich im Umgang mit den Symptomen sicher fühlt, verlieren sie gemäß der vermittelten Theorien ihre Grundlage und verschwinden.

Warum ich meine Geschichte teile

Tatsächlich haben Genesungsberichte den Stein für meine Genesung ins Rollen gebracht. Deshalb bin ich allen Autorinnen und Autoren sehr dankbar, die ihre Geschichte veröffentlicht haben. Auch ich habe mich entschlossen, meine Geschichte zu teilen. Das kostet mich Überwindung, weil ich sehr persönliche und intime Momente öffentlich mache. Dennoch möchte ich etwas zurückgeben und vielleicht auch bei anderen etwas in Bewegung bringen. Wer meine Geschichte ausführlicher nachlesen möchte: Meine Erkenntnisse und meinen persönlichen Genesungsweg habe ich in meinem Buch „Einmal Hölle und zurück – Mein Weg durch Long Covid und ME/CFS – zurück ins Leben“ festgehalten. Es ist unter diesem Titel beim großen Online-Versandhändler mit dem A zu finden.

In der öffentlichen Diskussion über dieses Thema finde ich zwei Aspekte problematisch. Einerseits gibt es Personen und Gruppen, die die Krankheit sehr ernst nehmen, was einerseits gut ist, jedoch vermitteln sie oft dabei, man sei schwer und unheilbar krank. Andererseits wird die Erkrankung psychiatrisiert – zum Glück dank zunehmender Aufklärung immer seltener – und Betroffene werden als Hypochonder oder psychisch krank dargestellt. Beides ist aus meiner Sicht für die Genesung sehr kontraproduktiv. Entsprechend hoffe ich mit meiner Geschichte eine neue Perspektive zu eröffnen.

Umso wichtiger finde ich die Veröffentlichungen von Alan Gordon und Howard Schubiner. Beide sind im Bereich der Schmerzforschung anerkannt und haben zahlreiche Veröffentlichungen und Studien zur Wirksamkeit neuroplastischer Ansätze bei chronischen Schmerzen vorgelegt. Inzwischen vertreten sie die Auffassung, dass bei Long Covid und ME/CFS ähnliche Mechanismen eine Rolle spielen können. Auch ihre Erfolge sprechen aus meiner Sicht dafür. Ich fragte Alan Gordon einmal, ob sein Programm auch für ME/CFS geeignet sei, was er bestätigte. Howard Schubiner hatte bereits lange in Interviews darüber gesprochen und nahm sie schließlich in die um Mai 2026 veröffentlichte Neuauflage seines Buches „Unlearn Your Pain“ auf. Aus meiner Sicht würden beide diesen Schritt nicht gehen, wenn sie nicht sehr davon überzeugt wären. Ihre Erklärungen, Beispiele und Erfolge bestärken mich darin. Als seriöser Arzt und Wissenschaftler spricht Dr. Schubiner von einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei ME/CFS und Long Covid um neuroplastische Symptome handelt, denn wissenschaftlich gilt etwas erst dann als gesichert, wenn es durch geeignete Studien belegt ist. Für mich zählt am Ende vor allem, was tatsächlich hilft und die Erfahrungsberichte und meine eigenen Erfahrungen bringen mich persönlich zu einem eindeutigen Schluss.

Tatsächlich ist alles wieder so wie vorher, alles Symptome scheinen reversibel zu sein und keinen dauernden Schaden angerichtet zu haben. Lediglich mein Nervensystem fühlt sich etwas empfindlicher an als vorher, so dass ich einige Entspannungsübungen gelegentlich anwende. Sonst mache ich wieder viel Sport und unternehme viel. Im Nachhinein ist das für mich selbst fast unglaublich.

Zusätzlich war ich mit dem Ansatz auch mit anderen Betroffenen unterwegs oder habe die Ansätze mit einigen geteilt. Und des Öfteren bekomme ich das Feedback, dass sie von den Ansätzen sehr profitiert haben und eine Person auf de Grundlage ebenfalls genesen sind. Weiterhin gerät man mit den Ansätzen auch oft in Konflikte, da sie von einigen vehement bestritten und abgelehnt werden. Dies kann ich nachvollziehen und akzeptiere es, hätte man mir davon vor 2 Jahren erzählt, weiss ich nicht wie ich darauf reagiert hätte.

Schlussendlich bin ich sehr dankbar für meine Situation.